1920-1945
Biografische Daten
- wurde am 15. September 1920 in Nekrasy (Некрасы Russland) geboren
- Teil einer elfköpfigen Familie, die 1943 nach Moringen verschleppt wurde
- muss ihren Sohn in Moringen Michal beeerdigen
- stirbt im Juni 1945 an den Folgen der Zwangsarbeit in einem Sammellager in Holzminden
Die Gräber auf dem Gräberfeld 4 zeugen von den unterschiedlichsten menschlichen Schicksalen unter der NS-Herrschaft.
Drei dieser Gräber gehören zusammen, auch wenn sie entfernt von einander liegen. Die hier Bestatteten gehörten alle zu der elf-köpfigen Familie. Die Familie Taratutin kam im Mai 1943 als Zwangsarbeiter*innen nach Moringen, mit vielen weiteren Menschen.
Die Familie stammte aus dem Ort Nekrassy im Oblast Smolensk im Westen von Russland. Die Stadt Smolensk wurde kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 von der Wehrmacht eingenommen. Das brutale Vorgehen der Truppe richtete sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung. So gab es Massenerschießungen, Raub von Lebensmitteln und Munition und ganze Dörfer wurden abgebrannt. Wie und wann genau die Familie zu Zwangsarbeiter*innen wurde, wissen wir nicht.
Aber Alexandra Taratutina, die Mutter der in Moringen begrabenen Tatjana, soll schon im November 1941 als Zwangsarbeiterin registriert worden sein. Zunächst musste sie, und vielleicht auch der Rest der Familie, in Smolensk Zwangsarbeit leisten. Die nächste Quelle zu ihrem Lebensweg ist dann ein Vermerk im „Ausländer Meldebuch“ der Stadt Moringen von 1943.
In Moringen arbeitete die Familie bei der Domäne Hesse, einem der großen landwirtschaftlichen Betriebe im Ort. Unter ihnen waren auch zwei Kinder und zwei Kleinkinder. Sie leben mit anderen sowjetischen Zwangsarbeitenden im Vorwerk Holtensen, einem Hof außerhalb der Stadt. Dort starben Michal und Tatjana.
Michal starb mit einem Jahr und 2 Monaten am 1. Januar 1944. Knapp einen Monat später, am 15. Februar 1944, starb auch Tatjana Taratutina, sie war noch keine vier Jahre alt. Nastja Taratutin begrub ihren Sohn und ihre Nichte und erlebte mit der restlichen Familie das Ende des Weltkriegs in Europa in Moringen mit.
Die ehemaligen Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion sollten alle möglichst schnell wieder zurück in die Heimat gebracht werden, auch wenn ihre Heimatorte zum Teil nicht mehr existierten. Dazu wurden Sammelstellen häufig an Orten eingerichtet, an denen auch während des Krieges schon viele Menschen untergebracht waren.
Oft waren das ehemalige Lager von Zwangsarbeiten und Kriegsgefangenen. Die Familie Taratutin kam in einem
DP-Camp in Holzminden unter. Dort verstarb Nastja Taratutina am 2. Juni 1945 an Tuberkulose. Diese Infektionskrankheit war unter Zwangsarbeitenden und auch KZ-Häftlingen eine häufige Todesursache. Schlechte hygienische Bedingungen und die durch Hunger und Schwerstarbeit geschwächten Körper sorgten für eine schnelle Ausbreitung der Krankheit.
Nastja wurde auf dem Friedhof in Moringen begraben.
Die weitere Reise der Familie können wir heute nicht mehr genau nachvollziehen, allerdings gibt es Anhaltspunkte, dass sie in einen anderen Teil von Russland zogen und dort neu begannen.
